Das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus – Ein Queeres Kulturhaus für Niemanden

Cecilie Johnsen, Regenbogenflagge und verschwommene Transflagge nebeneinander

Ein queeres Geschichts- und Bildungshaus sollte in Berlin entstehen. Die Initiative Queer Nations lud ein und das Lili Elbe Archiv war von Anfang mit dabei. Im Sommer 2017 trennten sich dann unsere Wege wieder.

In jüngster Zeit gab es Berichterstattungen über eine transphobe Veranstaltung, welche die Initiative Queer Nations unter dem Namen des Queeren Kulturhauses organisierte. Das Spinnboden – Lesbenarchiv trat daraufhin als Partnerin aus dem Kulturhaus aus. Das FFBIZ veröffentlichte ebenfalls eine Stellungnahme. Diese Geschehnisse haben nun dazu geführt, den Austritt des Lili Elbe Archivs transparent zu machen, weil diese jetzt veröffentlichten Entwicklungen, eigentlich bereits 2017 begannen.

Der Name Elberskirchen-Hirschfeld-Haus, Gelebte Vielfalt

Es wurde mehrfach zur Beratung über einen Namen geladen und viele Personen, die sich damals engagierten, nahmen teil. Die Anwesenden waren sich relativ schnell einig darüber, dass es einen spezifischeren Namen brauchte, den Vorschlag „Affenhaus“, den es tatsächlich ernstgemeint seitens einer Organisation gab, mal ausgenommen.

Magnus Hirschfeld war schnell gefunden, denn mit diesem Projekt sollte sein Erbe angetreten werden – oder zumindest konnte sich darauf geeinigt werden, dass es für die öffentliche Darstellung gut klingen würde. Damit erledigte sich jedoch nur ein Teil der Diskussion, denn, wie bekannt, ist Magnus Hirschfeld ein schwuler Mann. Seitens der FrauenLesbenArchive/Organisationen sollte eben auch eine Parität geschaffen werden – zumindest eine, die sie als Parität sahen, denn eine Person aus der Transcommunity kam in der Gedankenwelt Aller gar nicht als Option vor. Es wurde Audre Lorde diskutiert, was zumindest bezüglich race (1) etwas mehr Vielfalt repräsentiert hätte, aber es wurde dann Johanna Elberskirchen.

Da es neben dem Lili Elbe Archiv keine weitere Repräsentanz aus der Transcommunity gab, war unsere Stimme für alle Anwesenden auch irrelevant und so kam es, dass im Titel ausschließlich cisgeschlechtliche Deutsche benannt werden. Zumindest steht die Frau im Titel vorne, denn das ist progressiv ( 😀 ).

Es war für manche ein größeres, relevanteres Problem, dass der Name Elberskirchen-Hirschfeld-Haus im englischsprachigen Raum kaum oder nur schwer auszusprechen sein würde, weswegen sich auf eine Abkürzung, nämlich E2H, geeinigt wurde. Sprache schien in diesem Punkt also wichtig zu sein – so wichtig, dass eine koloniale, neuzeitliche Weltsprache in die Überlegungen mit einbezogen wurde, die Transcommunity, People of Colour et al. jedoch nicht.

Die Wahl des Standortes

In einem weiteren Schritt der meist monatlichen Treffen wurde über geeignete Räumlichkeiten für dieses Projekt diskutiert. Die BELIUS GmbH wurde damals durch den Vorstand der Initiative Queer Nations mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt.

Bei einer Wahl, die eigentlich keine war, wurde über den Standort abgestimmt. Vorschläge seitens des Lili Elbe Archivs, welches zu dieser Zeit selbst auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten war und den Zusammenschluss in größeren Gebäuden mit anderen Archiven geplant hatte, wurden von der BELIUS GmbH dabei nicht berücksichtigt.

Bei der Wahl standen, wahrscheinlich vorsätzlich durch die BELIUS GmbH ausgewählt und durch den Queer Nations Vorstand beauftragt, neben dem ehemaligen Sitz der taz, mehrere, für einen regulären Archiv- und Kulturbetrieb ungeeignete Liegenschaften zur Auswahl. Darunter bspw. ein ehemaliges, baufälliges Eisenbahndepot. Es war daher kein Wunder, dass eine Mehrheit für das taz-Gebäude stimmte, da dort als Einziges ein solches Projekt ohne größere Einschränkungen hätte realisiert werden können. Trotz Einspruch des Lili Elbe Archivs vor der Abstimmung, weil unsere Vorschläge nicht aufgeführt worden waren, wurde diese Wahl angenommen.

Anzumerken sei hier der Vorstand der Initiative Queer Nations bestehend aus Jan Feddersen, Benno Gammerl, Christiane Härdel und Manu Schubert: Jan Feddersen sowie Manu Schubert arbeiten für die taz. Aus Sicht des Lili Elbe Archivs liegt hier ein personeller Interessenskonflikt vor, wenn der Vorstand von Queer Nations die Übernahme des ehemaligen taz-Gebäudes vorbereitet und verwaltet.

Um eine unabhängige und den Partnerorganisationen gerechte Standortpolitik zu erlauben, hätte diese Wahl unter diesen Bedingungen niemals stattfinden dürfen. Es liegt nahe, dass finanzielle Abhängigkeiten der Vorstände die Entscheidungsfindung nachteilig beeinflusst haben. Wobei bei allen Vorgängen Jan Feddersen federführend war und der damalige Kassenwart (heute: Manu Schubert) noch ein Anderer war. Dennoch ist die Initiative Queer Nations eng mit der taz verflochten und dieser Interessenskonflikt ist nicht ohne Weiteres aufzulösen.

Die Idee – Queere Heimat in der Museumslandschaft Berlins

„Queere Museumslandschaft Berlins“ oder eine „Kulturgeschichte der Sexualitäten“ klingt natürlich für die Lesenden sexy. Zu Beginn war die Zielsetzung, allen queeren Archiven und Bibliotheken der Stadt ein Haus zu geben. Mit dem Schwulen Museum als Partner startete dann die Planung für größere Ausstellungen. Ein Kino folgte als Idee (neben vielen verworfenen Ideen, wie einem Friseur, einer Sauna usw.). Die Ausstellungsflächen sollten zwar von Partner*innen abwechselnd und/oder zeitgleich genutzt werden können, dies jedoch ausschließlich im neuen Schwulen Museum, welches auf der Wiese neben dem taz-Gebäude hätte gebaut werden sollen.

Die Idee bekam an dieser Stelle bereits ein bitteres Geschmäckle, weil über die Räumlichkeiten des Schwulen Museums nun mal das Schwule Museum entscheidet und nicht jede Einrichtung souverän. Bevor es jedoch möglich war, diesen Punkt abschließend zu diskutieren und zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen, begann die Initiative Queer Nations damit, weitere Organisationen, darunter Bildungsträger, Arbeitsgruppen und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, mit ins Projekt zu holen. Die anfängliche Idee eines Hauses für Archive und Bibliotheken verwässerte somit immer mehr.

Es muss wahrscheinlich nicht erwähnt werden, dass diese Organisationen zudem alle cisgeschlechtlich und ausschließlich schwul oder lesbisch verortet waren. Das Lili Elbe Archiv war zu diesem Zeitpunkt immer noch die einzige Repräsentanz der Transcommunity und es gab keinerlei Versuche mit anderen Transorganisationen, obwohl Kontakte von uns vermittelt worden waren, in einen Dialog zu treten.

Ein dialogisches Prinzip per se gab es sowieso nicht, da Jan Feddersen in Eigenregie und schnellem Tempo seine Ansichten durchsetzte und diese, wie die Aufnahme neuer Mitglieder, nicht erst im Vorfeld diskutiert wurden.

Schon zu diesem Zeitpunkt, Ende 2016, stellte sich heraus, dass das, was das Spinnboden Lesbenarchiv Anfang 2020 erst beklagte, die neue Realität von E2H werden sollte: Veranstaltungsmanagement, keine Archivarbeit stand im Fokus des Projektes. Stattdessen wurde sich auf Öffentlichkeitsarbeit und die Monetarisierung von Quellenarbeit fokussiert. Es standen Wissenschaft und Forschung im Zentrum, welche durch die Archive erst möglich sind, an der diese jedoch nicht einmal personell, geschweige denn finanziell, beteiligt werden sollten.

Der Ausverkauf von unseren queeren Archiven und Bibliotheken war zu diesem Zeitpunkt bereits absehbar. Zudem plante Jan Feddersen, dass alle Partnerorganisationen souverän bleiben sollten. Damit wollte er jedoch nicht der Unabhängigkeit und historischen Tradition von Bewegungsarbeit und Bewegungsgeschichte Rechnung tragen, sondern zu allererst die Kassen trennen, denn: für Miete, Nebenkosten, Personalkosten et al. sollte jede Organisation selbst aufkommen. Die Initiative Queer Nations plante zu keinem Zeitpunkt der Träger des Hauses zu sein, sondern vielmehr eine Art von Hausverwaltung, die zwischen dem Eigentümer und den Organisationen vermittelt sowie selbst Veranstaltungen ausrichtet, wie dies bisher in den zurückliegenden Jahren auch geschehen war. Durch die formale Unabhängigkeit war es der Initiative Queer Nations somit auch möglich Einnahmen und Kosten für sich selbst zu verrechnen, auch wenn eine Vortragsarbeit, bspw. im Zuge einer Dissertation, direkt und allein durch eines der beteiligten Archive entstanden war.

Die bestehende prekäre finanzielle Situation der einzelnen Archive und Bibliotheken war somit zu keinem Zeitpunkt ein Thema. Diese waren sich weiterhin selbst überlassen und profitiert hätte nur die Initiative Queer Nations. Hinzu kommt, bezüglich der Kosten, nachdem sich für das ehemalige taz-Gebäude entschieden worden war, dass niemals Informationen über Mietpreis, Mietnebenkosten und ähnliche Hard Facts preisgegeben worden sind. Den einzelnen Archiven und Bibliotheken, die sowieso schon mit ihren Miet-(neben)kosten zu kämpfen haben, wurde also nicht mit einer Kostentransparenz begegnet. Ganz im Gegenteil, wurde in der Zeit bis Ende 2017 nicht einmal über etwaige Kosten gesprochen, obwohl Jan Feddersen als Mitarbeiter der taz einen erleichterten Zugang zu diesen Informationen gehabt hätte. Das war, nachdem auf Nachfragen immer ausgewichen wurde, ein ausschlaggebender Punkt für das Lili Elbe Archiv, um gegenüber diesem Projekt noch skeptischer zu werden.

Transgender und Sorgerecht

Unter diesem Titel fand am Dienstag, 13. Juni 2017 im taz-Cafe eine Veranstaltung mit Jessica Lynn und Niki Trauthwein statt. Diese Veranstaltung wurde gänzlich ohne Wissen des Lili Elbe Archivs geplant. Als das Lili Elbe Archiv darüber informiert und eingeladen wurde daran teilzunehmen, machten wir weitere Vorschläge für Personen auf dem Podium und gern gesehene Gäste. Kontaktiert wurden von all diesen Organisationen und Personen wahrscheinlich keine, denn sie waren alle nicht anwesend und es gab keinerlei Rückmeldungen an unser Archiv.

Somit gab es lediglich zwei Personen auf dem Podium, vor einem Publikum von zehn zufällig anwesenden Personen und hinterher wurde seitens Jan Feddersens moniert, dass die Diskussion auf dem Podium zu homogen abgelaufen sei. Man hätte sich eine kontroversere Diskussion gewünscht und erwartet, dass das Lili Elbe Archiv sich öffentlich gegen eine verdiente Aktivistin mit berechtigten Anliegen aus der eigenen Community stelle. Das war der Anfang vom Ende unserer Zusammenarbeit.

Die Position der Initiative Queer Nations

Der Konflikt, der nun zum Austritt des Spinnboden Lesbenarchivs geführt hat, schwelte schon länger unter der Oberfläche. So kam es bpsw. das Jan Feddersen sich über die persönliche Bekanntschaft zu Patsy l’Amour laLove mit Till Randolf Amelung anfreundete. Jener Till Randolf Amelung, der nicht nur in dem Buch Beissreflexe mitveröffentlichte, sondern auch seitdem weiterhin polarisiert und sich unter anderem in Alice Schwarzers EMMA, zuletzt am 17. Dezember 2019, transfeindlich und menschenverachtend geäußert hat. Das erscheint an dieser Stelle lustig, nicht nur wegen dem TERF-Hintergrund (2), sondern weil ein Mensch mit Master of Arts in Geschlechterforschung der Universität Göttingen sich anmaßt über die metal health von transgeschlechtlichen Menschen urteilen zu können. Worauf auch immer seine Annahmen fußen mögen, auf empirisch naturwissenschaftlicher Basis ganz wahrscheinlich nicht, weil ihm dafür jegliche berufliche Qualifikation fehlt.

Am Samstag, dem 6. Juli 2019 veranstaltete die Initiative Queer Nations u.a. mit Till Randolf Amelung eine Eintagesfabrik zum Thema Sexualpolitik Kontrovers.

Es ist kein Zufall, dass eine Veranstaltung, wie für den 17.03.2020 geplant war, organisiert wurde. Was einen Till Randolf Amelung mit einem Jan Feddersen, einer Christiane Härdel, einer Gunda Schumann und anderen TERFs verbindet ist – nicht die gemeinsame Generation, derer sie entstammen – sondern die inhärente Ablehnung einer bezüglich Geschlecht und Geschlechtsidentität liberalen Gesellschaft, welche die Lebensqualität des Individuums in den Mittelpunkt stellt.

quo vadis Kulturhaus

Nachdem nun mit dem Spinnboden Lesbenarchiv ein weiteres Archiv ausgetreten ist und das FFBIZ sich diese Option vorbehält, ist die Idee eines queeren Kulturhauses eigentlich gescheitert. Jan Feddersen als Person und die Initiative Queer Nations als Organisation sind gescheitert.

Es kann kein Kulturhaus geben, wo die finanziellen Abhängigkeiten und Interessenskonflikte nicht offengelegt werden. Mit der Initiative Queer Nations kann und wird es wahrscheinlich überhaupt gar kein erfolgreiches queeres Kulturhaus mehr geben. Die Personen und Namen sind auf begründete Weise verbrannt.

Ein queeres Kulturhaus kann nur dann funktionieren, wenn der Hass vor der Tür bleibt. Dies betrifft auch das sich in Gründung befindende LAZ reloaded von Christiane Härdel. Es kann ebenso nur funktionieren, wenn ein demokratischer Prozess stattfindet, in dem die Stimmen ALLER Buchstaben des Umbrella-Terms gleichviel wiegen. Ansonsten werden die Repräsentationen schwuler und lesbischer Personen und Einrichtungen die Transcommunity immer überstimmen und weiterhin konsequent unsichtbar machen.

Ein queeres Kulturhaus kann es auch nur dann geben, wenn über den Standort neu entschieden wird, weil das ehemalige taz-Gebäude durch korrumpierte Rahmenbedingungen gewählt wurde und bei einer neuen Standortbestimmung dieses Gebäude daher grundsätzlich nicht mehr zur Auswahl stehen darf.

Ein queeres Kulturhaus mit geplantem Start in 2020 ist in eine Ferne gerückt, in der es noch nicht einmal zum Planungsbeginn war. Die Entwicklungen der letzten Jahre, federführend durch Jan Feddersen und die Initiative Queer Nations, hat mehr Rückschritte gegenüber diesem Projekt, der gemeinsamen Community und der Zusammenarbeit der beteiligten Archive und Bibliotheken bewirkt, als es jemals zuvor der Fall gewesen wäre. Dieser Schaden wird auch mit größten Bemühungen dieser Leute nicht mehr zu beheben sein.

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(1) Wir verwendet hier den Begriff race um klar zu machen, dass wir uns auf einen US-amerikanischen Diskurs beziehen, in welchem der Begriff für den Kampf gegen die ineinander verschachtelten Diskriminierungsmechanismen steht, denen nicht-weiße Menschen täglich ausgesetzt sind. Dieser Begriff ist nicht zu verwechseln mit dem deutschen Begriff „Rasse“, mit welchem pseudowissenschaftlich versucht wird, einen Unterschied zwischen Menschen herzustellen und damit Diskriminierung und Menschenrechtsverbrechen zu rechtfertigen, wie zum Beispiel bei seiner Verwendung in natinalsozialistischer Rethorik und Eugenik.

(2) TERF: Trans-excludierende radikale FeministInnen: FeministInnen, die transgeschlechtliche Personen ausschließen und eine diskriminierende und oft menschenrechtsverachtende Sicht auf transgeschlechtliche Personen haben. Sie respektieren meist z. B. nicht bevorzugte Pronomen und Geschlechtsidentitäten von Betroffenen.

Dieser Artikel wurde tgd_watch zur Verfügung gestellt von Niki Trauthwein, Vorsitzende des Lili Elbe Archivs

tgd_watch stellt euch hier weitere Informationen zum Thema bereit:

  1. Austrittserklärung des Spinnboden Lesbenarchivs
  2. Stellungnahme des FFBIZ
  3. Twitter-Thread zum Thema

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